Das Präsenzstudium in Vollzeit mit erweiterter Praxisphase

2.1 Verbindung von Studium und Beruf

Patientenversorgung erfordert in besonderer Weise Wissen, Fertigkeiten und Erfahrung. Klinische Verfahren wie das Erheben des Gelenkstatus, das Bewerten von Muskelfunktionen oder die Beurteilung eines funktionellen Zugewinns für Menschen mit Behinderung müssen unter Anleitung vermittelt, unter Aufsicht vertieft und im orthopädietechnischen Alltag fallbezogen angewendet werden.

Zur fachspezifischen Qualifizierung kommt hier in Anlehnung an das Konzept der Facharztausbildung ein Vollzeitstudiengang mit erweiterten Praxisphasen zur Anwendung. Dieser Präsenzstudiengang ermöglicht qualifizierten Fachkräften ein Studium an der Hochschule parallel zum Ausbau und zur Vertiefung ihres Qualifikationsprofils in der betrieblichen Praxis. Hierbei sind – und das unterscheidet sie von den berufsbegleitenden Studiengängen – die Praxisphasen fester Bestandteil des Studiums. Bewerber für diesen Studiengang haben bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung und in der Regel eine mehrjährige Berufserfahrung. Das Studium wird mit dem akademischen Grad Bachelor/Master of Engineering abgeschlossen.

In den praxisintegrierten Phasen des Bachelor- und des Master-Studiums besteht eine strukturierte Verbindung zwischen den praktischen Studieninhalten am Studienort Orthopädie-Werkstatt / Betrieb (OTW) sowie dem Ingenieur-Studium am Studienort Bundesfachschule. Um die Praktika und Übungen mit den Vorlesungen verbinden zu können, werden Blockvorlesungen (2-3 Blöcke à 2 Wochen in den Grundsemestern) und Praktikumsphasen aufeinander abgestimmt. Der Wissenstransfer wird von Beginn des Studiums durch ein Logbuch strukturiert und durch Hausarbeiten vertieft.

2.2 Inhalte der erweiterten Praxisphase

Ziel der praxisintegrierten Phasen ist die Vermittlung von Kernkompetenzen, die zur Tätigkeit auf der mittleren Führungsebene von orthopädietechnischen Unternehmen benötigt werden. Grundsätzlich werden folgende fachspezifische und fachübergreifende Kernkompetenzen vermittelt: Soziale und ethische Kompetenz, kommunikative Kompetenz, Selbstkompetenz, versorgungstechnische Kompetenz, fertigungstechnische Kompetenz, wirtschaftliche Kompetenz, arbeitspädagogische (Lehr-)Kompetenz, wissenschaftliche Kompetenz.

Das Bachelor-Studium baut auf den in der Ausbildung zum Orthopädietechnik-Mechaniker erworbenen Kenntnissen und Fertigkeiten auf. Die akademischen und praxisintegrierten Lernziele werden inhaltlich aufeinander abgestimmt, sodass die Studierenden die geforderten grundlegenden Kompetenzen zur Hilfsmittelversorgung in den verschiedenen Versorgungsbereichen anwenden, vertiefen und erweitern können. Die in der folgenden Tabelle angegebenen Versorgungszahlen sind als Richtwerte zu verstehen. Die am Studienort OTW tatsächlich vermittelten praxisorientierten Lehrinhalte werden im Logbuch dokumentiert. Das vollständig durchgeführte und vom Lehrbeauftragten gegengezeichnete Logbuch ist Voraussetzung für die Zulassung zur Bachelor-Prüfung.

Lehrbeauftragte können von den Betrieben vorgeschlagen werden. Nach Prüfung durch die Modulverantwortlichen werden sie von der Bundesfachschule ernannt. Sie müssen über eine Qualifikation als Orthopädietechnikermeister, Orthopäden oder Unfallchirurgen mit einer mindestens zweijährigen Berufspraxis in der eigenverantwortlichen Patientenversorgung verfügen. (s. 2.4 Studienort)

Am Ende der praxisintegrierten Phasen sollen die Studierenden die in der Tabelle aufgelisteten Tätigkeitsbereiche mindestens in dem angegebenen Umfang umgesetzt haben und in der angegebenen Kenntnistiefe beherrschen.

Tätigkeitsbereiche kennen mitgewirkt Versorgung unter
Anleitung durch-
geführt, Anzahl
Prothetik
Hüftexartikulationsprothesen X
Oberschenkelprothetik
  • OKB sitzbein-/ ramusumgreifend
  • OKB sitzbeinunterstützend
5
Knieexartikulationsprothesen X
Unterschenkel
  • kondylenübergreifend
  • mit Silikon-/Gel-Liner
  • mit Oberhülse
5
Fußprothesen X
Armprothesen
  • OA – habitus
X
  • OA – myoelektrisch
  • UA – habitus
3
  • UA – myoelektrisch
Orthetik
Beinorthesen
  • Konfektion für OSG
  • für Knie
  • für Hüfte
X
X
X
  • Lähmungsorthese
  • Korrekturorthese
  • Entlastungsorthese
5
Einlagen 10
Hüftdysplasie X
Armorthesen X
Handorthesen X
Rumpforthesen
  • Leibbinden
  • Mieder
3
  • Rahmenstützkorsett
  • Reklinationskorsett
  • Skoliosekorsett
5
  • Cervicalorthesen
X
Reha-Technik
Sitzschalen 5
Rollstühle / Liftersysteme 5
Sonstiges
Kompressionsstrümpfe 5
Bandagen X
Stoma / Inkontinenz X

2.3 Studiengangorganisation, Lehrende

Der Bachelor-Studiengang umfasst 6 Semester (180 ECTS) und wird in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Elektro- und Informationstechnik der FH-Dortmund, der Handwerkskammer Dortmund und der Orthopädischen Klinik der Städtischen Kliniken Dortmund durchgeführt.

Er baut auf die Inhalte einer 3-jährigen Lehre im Orthopädietechnikerhandwerk auf und verbindet die Inhalte des Meisterberufsbildes in den allgemeintheoretischen Fächern der Meisterprüfung (betriebswirtschaftliche, rechtliche, kaufmännische und arbeitspädagogische Kenntnisse) und der Fachtheorie des Orthopädietechnikerhandwerks mit den naturwissenschaftlichen und ingenieurwissenschaftlichen Inhalten eines fachspezifischen Bachelor-Studienganges. Die klinisch-praktische Kompetenz der Anfertigung und Anpassung von Hilfsmitteln direkt am Menschen wird in den erweiterten Praxisphasen des Studiums vermittelt. Somit werden die Studierenden an zwei Studienorten ausgebildet.

2.4 Studienort Orthopädiewerkstatt

Die Studierenden werden an zwei Studienorten ausgebildet. Die Vorlesungen und ein Teil der Übungen finden in der Bundesfachschule in Dortmund statt. Die Praktika und der restliche Teil der Übungen werden in Orthopädietechnikwerkstätten angeboten. Alle Lehrveranstaltungen werden von Lehrenden der Bundesfachschule betreut. Die Praktika in den Betrieben werden vor Ort von Lehrbeauftragten begleitet.

Durch die Lehrkooperation zwischen der Bundesfachschule und Unternehmen verpflichtet sich das Unternehmen, die Studierenden nach den festgelegten Kriterien auszubilden. Das Rechtsverhältnis zwischen Praktikumsbetrieb/Studienort und Studierenden regelt der Betrieb über einen Praktikums- oder Arbeitsvertrag.

Das Bachelor- und Master-Studium Orthopädie- und Rehabilitationstechnik ist als Vollzeitstudium mit erweiterten Praxisphasen konzipiert. Neben dem Studium ist die Beschäftigung im Umfang einer halben Stelle möglich. Um Freiräume für die in der Regel zweiwöchigen Blockmodule zu schaffen, wird die Vereinbarung eines Arbeitszeitkontos empfohlen. Mit diesem Konzept können die Studierenden Beruf und Studium besser vereinbaren, den Unternehmen bietet es eine Möglichkeit gezielter Mitarbeiterentwicklung.

Um die praxisnahe und patientenorientierte Ausbildung der Studierenden sicherzustellen, sollen in den Semesterarbeiten und Abschlussarbeiten Fragestellungen der beruflichen Praxis untersucht werden.

Kriterien zum Führen des Titels „Akkreditierter Studienort“:

Voraussetzungen und Verpflichtungen im Bereich der Ausbildung und Lehre:

  • Die fachliche Leitung des Unternehmens muss durch einen Orthopädietechniker-Meister erfolgen.
  • Das Unternehmen muss mindestens zwei der Versorgungsbereiche Prothetik, Orthetik, Rehatechnik/Sitzschalen in der eigenen Werkstatt abdecken.
  • Das Unternehmen hält die Mindestausstattung des Kriterienkatalogs der Präqualifizierung vor.
  • Das Unternehmen verpflichtet sich, mindestens einen Studierenden während seines Studiums zum Bachelor/Master der Orthopädie- und Rehabilitationstechnik zu begleiten und ihm die Praktika anzubieten.
  • Das Unternehmen stellt sicher, dass die im Logbuch enthaltenen Aufgaben während der Praktikumszeit zusammen mit den Studierenden durchgeführt werden.
  • Das Unternehmen gibt dem Studierenden zum Abschluss des Semesters ein Feedback und evaluiert den Studierenden auf dem im Logbuch vorgegebenen Formular.

Voraussetzungen und Verpflichtungen im Bereich der Patientenversorgung:

  • Das Unternehmen bietet von seiner Patientenstruktur die Möglichkeit, dass die Studierenden ein breites Spektrum unterschiedlicher Patientengruppen (Altersgruppen, Krankheitsbilder) kennen lernen.
  • Die Werkstatt bietet aufgrund ihrer räumlichen Ausstattung die Möglichkeit, in Absprache mit dem Lehrbeauftragten selbständig Patientenkontakte wahrzunehmen.
  • Das Unternehmen bietet die Möglichkeit zur Teilnahme an Versorgungen in Kliniken, Rehaeinrichtungen und/oder weiteren Behinderteneinrichtungen.

Voraussetzungen und Verpflichtungen im Bereich der Forschung:

  • Das Unternehmen erklärt seine grundsätzliche Bereitschaft zur Unterstützung und Mitwirkung von im Auftrag des Forschungsschwerpunktes durchgeführten Forschungsprojekten.
  • Werden in Studienleistungen Dokumentationen zum Vorgehen in dem Unternehmen und den erzielten Ergebnissen verfasst, was gängige und gewollte Prüfungspraxis ist, dann sind diese Ergebnisse/Inhalte geistiges Eigentum des Studierenden, da er offiziell der Urheber ist. Um diese Rechte an andere abzutreten, müssen die Studierenden dazu explizit eine Einverständniserklärung unterzeichnen. Hier sind individuelle Vereinbarungen zur Publikation/Geheimhaltung möglich. Das Unternehmen, das eine Abschlussarbeit o.ä. betreut, kann zu Beginn des Projektes festlegen, ob die Ergebnisse zur Veröffentlichung freigegeben werden. Das Unternehmen schließt dazu einen separaten Vertrag mit dem/der Studierenden.
  • Die Bundesfachschule und die Fachhochschule Dortmund sichern den Unternehmen die Vertraulichkeit der in der Zusammenarbeit gewonnenen Erkenntnisse zu. Nach Absprache werden die Ergebnisse anonymisiert.

Lehrbeauftragte am Studienort Orthopädiewerkstatt:

  • Im Praktikumsbetrieb wird bei der Akkreditierung des Studienortes ein Lehrbeauftragter festgelegt. Lehrbeauftragte müssen den Abschluss als OT-Meister, Orthopäde oder Unfallchirurg nachweisen.
  • Die Lehrbeauftragten haben bei ihrer Lehrtätigkeit die Anforderungen, die sich aus der Prüfungs- und Studienordnung oder im Zusammenhang mit anderen Lehrveranstaltungen ergeben, zu beachten. Sie stehen in engem Kontakt zu den Lernenden. Für die Lehrbeauftragten werden regelmäßig Fortbildungen und einmal jährlich ein für „Akkreditierte Studienstandorte“ kostenfreier Dozentenworkshop in der Bundesfachschule angeboten. Hier werden Erfahrungen aus der Praxis ausgetauscht, Empfehlungen an den Fachausschuss formuliert und Entwicklungen aus der Lehre und dem Studienangebot an die Lehrbeauftragten vermittelt.